Gespenstische Gespinste – Kein Grund zur Panik

Zoologische Staatssammlung München

Ein interessantes Naturphänomen lässt sich zurzeit entlang von Waldwegen, Straßen und Autobahnen beobachten: Sträucher von Pfaffenhütchen, Traubenkirsche, Schlehe und Weißdorn sind oft mit auffallenden Gespinsten überzogen, in denen sich kleine, schwärzliche bis gelbliche Raupen tummeln. Der gewöhnungsbedürftige Anblick löst bei manchen Mitbürgern Verwunderung oder gar Besorgnis aus, manche denken gar an eine Invasion exotischer Pflanzenschädlinge. Dabei ist die Ursache völlig harmlos: es ist das Werk der Raupen von Gespinstfaltern, oft zoologisch falsch als „Gespinstmotten“ bezeichnet.Davon gibt bzw. gab es neun verschiedene Arten in Bayern, drei von ihnen neigen mitunter zur Massenvermehrung.

„Die Sache ist sowohl für die betroffenen Pflanzen als auch den Menschen vollkommen ungefährlich“, erklärt der Schmetterlingsforscher Dr. Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München. „Es handelt sich um natürliche biologische Zyklen, die es schon immer gab.“ Weder sei das Phänomen Indiz für eine aus dem Gleichgewicht geratene Natur, noch für den so genannten Klimawandel.Heuer machen vor allem der Traubenkirschen-Gespinstfalter (Yponomeuta evonymella) und der Pfaffenhütchen-Gespinstfalter (Y. cagnagella) auf sich aufmerksam. An Schlehe und Weißdorn tritt noch der Schlehen-Gespinstfalter Y. padella) sehr häufig auf.

Die Schmetterlinge selbst, die erst im Hochsommer fliegen, sind sehr apart: auf ihren zarten weißen Vorderflügeln tragen sie ein Muster aus feinen schwarzen Punkten. Ihre Raupen leben im Frühjahr in großen Gesellschaften an spezifischen Wirtspflanzen und erzeugen daran die namensgebenden, auffallenden Gespinste; durch diese Maßnahme schützen sie sich sehr erfolgreich vor Fressfeinden. Bei massivem Auftreten werden die Wirtspflanzen komplett eingesponnen und kahlgefressen.

Was auf uns verstörend wirken mag, bleibt für die betroffenen Pflanzen gänzlich folgenlos, denn die haben sich im Lauf der Evolution längst an den Lebenszyklus der Schmetterlinge angepasst: Nach dem Ende des Befalls treiben sie erneut aus, ein als „Johannistrieb“ bekanntes Phänomen. Im Sommer sind die Sträucher und Bäume dann wieder völlig intakt, und nichts deutet mehr darauf hin, dass sie im Frühjahr Opfer einer „Fressattacke“ waren. Aus diesem Grund wären auch eventuelle Bekämpfungsmaßnahmen gegen die Gespinste völlig unsinnig und – von den Kollateralschäden durch die chemische Keule ganz abgesehen – auch reine Geldverschwendung. Gleiches gilt auch für die harmlosen Gespinste des Apfelbaum-Gespinstfalters (Y. malinellus), die gelegentlich im Obstgarten auftreten.

„Es ist vielmehr ein Grund zur Freude, wenn es in unseren Tagen überhaupt noch häufige Schmetterlingsarten gibt“, betont Segerer „Die Artenvielfalt in Bayern ist nämlich als Folge der intensiven Landwirtschaft und des Landschaftsverbrauches in einem beispiellosen Rückgang begriffen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass über 400 einheimische Schmetterlingsarten in Bayern nicht mehr nachweisbar sind und selbst die Bestände noch verbreiteter Arten örtlich bereits um mehr als 90% geschrumpft sind. Ein von Menschenhand verursachtes ökologisches Desaster nie dagewesenen Ausmaßes.“In der Tat: Nur einige wenige Arten wie die genannten Gespinstfalter halten der andauernden, vor allem der industriellen Landwirtschaft geschuldeten Umweltbelastung durch Pestizide, Überdüngung und Flurbereinigung noch stand. Andere sind bereits ausgestorben: So wurde der Wärme liebende Steinweichsel-Gespinstfalter (Y. mahalebella) schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr in Bayern gesichtet.

Ansprechpartner:
Dr. Andreas Segerer
Zoologische Staatssammlung München (SNSB-ZSM)
Münchhausenstraße 21
81247 München
Tel.: 089 8107 151
E-Mail: Andreas.Segerer@zsm.mwn.de